Israels bleibende Berufung – „Geliebte um der Väter willen”

Im Garten Getsemani in Jerusalem stehen uralte Ölbaume (siehe Foto), an denen manchmal junge eingepfropfte Zweige sichtbar sind. Der Heidenapostel Paulus verwendet das Bild vom Ölbaum, um die Beziehung zwischen Juden und Christen zu beschreiben. Er vergleicht diese mit den natürlichen und eingepfropften bzw. wilden Zweigen, wobei letztere die Bestimmung der Christen aus den Nationen zum Ausdruck bringen. Ihm ist die bleibende Bedeutung der Bünde Gottes mit dem Volk Israel bewusst (Röm 9,4). Als Nachkomme Abrahams aus dem Stamm Benjamin ringt er jedoch auch mit der Frage, ob nicht Gott sein erwähltes Volk verstoßen habe, weil ein großer Teil der damaligen Juden Jesus nicht als Messias angenommen hat. „So frage ich nun: Sind sie etwa deshalb gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen sollten? Keineswegs! Vielmehr ist infolge ihrer Verfehlung das Heil den Heiden zuteil geworden“ (Röm 11,11 MENG). Paulus stellt fest, dass die Juden nicht gefallen sind, sondern dass erst durch ihre Verfehlung, also die Nichtannahme des Evangeliums, den Heiden und den Nationen das Heil widerfahren konnte. Sie sind „Geliebte um der Väter willen“. Obwohl auf einem Teil Israels eine „Verstockung“ liegt, ist und bleibt Gottes Berufung „unwiderruflich“ (Röm 11,25-29 MENG).

Im Blick auf das Bild vom Ölbaum lautet seine Argumentation folgendermaßen: „wenn die Wurzel heilig ist, so sind es auch die Zweige. Wenn nun aber einige von den Zweigen herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum(zweig) warst, unter sie eingepfropft worden bist und dadurch Anteil an der Wurzel […] erhalten hast, so rühme dich deswegen nicht gegen die (anderen) Zweige! Tust du es dennoch (so bedenke wohl): nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,16-18 MENG). Damit verbunden ist die Aufforderung und Warnung, dass Christen nicht hochmütig sein sollten, denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, so könnte Er auch die wilden Zweige nicht verschonen (Röm 11,20-24).

Für Paulus bleibt die Rolle der Juden ein Geheimnis und lässt sich nicht einfach auflösen, aber Israel hat weiterhin eine zentrale Rolle im göttlichen Heilsplan und wir Christen sollten nie vergessen, dass wir als eingepfropfte, wilde Zweige von der natürlichen Wurzel getragen werden. Dieser Aspekt mag gerade im Blick auf die aktuellen, so wechselvollen und unvorhersehbaren Entwicklungen im Nahen Osten hilfreich und gemäß 1 Mose 12,3 (MENG) eine Ermutigung sein: „Ich will segnen, die dich segnen“.

Karl Klanner

Foto privat von Karl Klanner